Zeitgemäße Bildung

Das Mantra vom Präsenzunterricht

März 2020: Corona breitet sich aus, Schulen werden geschlossen. Die Zeit scheint günstig für das #Twitterlehrerzimmer – digitale Modelle eröffnen Möglichkeiten, schulisch initiiertes Lernen auch zuhause stattfinden zu lassen. Phillippe Wampfler beispielsweise eröffnet vor den Schulschließungen in Deutschland seinen anleitenden Youtube-Kanal „#digifernunterricht“. Gemeinsam mit Wanda Klee und Axel Krommer entwickelt er „Impulse zum Lernen auf Distanz“, die im Namen mehrerer Kultusministerien veröffentlicht werden. In den Ministerien werden Szenarien für den Herbst erarbeitet, neben dem „Präsenzunterricht“ scheint Hybridunterricht auch mittelfristig eine fast reguläre Unterrichtssituation zu sein. So schlägt Jan-Martin Klinge im Juni vor, dass jene „in Verantwortung genommen werden, die dafür bezahlt werden und die örtliche Situation weit besser kennen, als jeder Politiker: Die Schulen selbst.“

Doch weit gefehlt. Das Imperium schlägt zurück: Die KMK entscheidet sich, Szenarien nicht an Inzidenzen zu koppeln. So kündigte Niedersachsens Kultusminister Grant Henrik Tonne an, „mit aller Kraft den Präsenzunterricht […zu] verteidigen“ und koppelte später gegen den Rat des RKI Klassenteilungen an eine Inzidenz von 200.

Hybridunterricht mit flexiblen Lösungen wirkt Ende 2020 wie ein ungewolltes Szenario: unbedingt zu vermeiden. Ich sehe es als systemische Reaktion und möchte es nach Felix Stalder und Jöran Muuß-Merholz als Verstärkerphänomen höherer Ordnung innerhalb eines Kulturkampfes einordnen.

Kulturdominanz bei Stalder

Um den Kulturkampf zu verdeutlichen, greife ich auf Stalders Analyse postkolonialistischer Theorien zurück (vgl. auch im Weiteren Felix Stalder: „Kultur der Digitalität“. Berlin 2019. S. 49-58). In diesen sieht er Wegbereiter für die Möglichkeit, unterschiedliche Positionen jenseits hierarchischer Ordnungen (wie in unserem Falle in der Kultusbürokratie) auszuhandeln. Auf Basis der Theorien von Edward Said zeichnet er das Bild einer dominanten Kultur, deren Status in der Kolonialisierung wurzelt. Zugleich wurde dabei eine andere Kultur marginalisiert. Eine ähnliche Konfiguration zeigt sich im asymmetrischen Gegenüber von Gutenberg-Galaxis und Kultur der Digitalität. Letztere wurde allerdings nicht in einem Prozess marginalisiert, sondern kam neu hinzu.

Nach Stalder und Said werden die Begrifflichkeiten beider Kulturen von der dominierenden Kultur aus gedacht: „Ein solches Repräsentationssystem […] kann nur dann seine Wirkung entfalten, wenn es ‚hegemonial‘ wird, das heißt, wenn es als selbstverständlich wahrgenommen und nicht mehr als Zu-, sondern als Beschreibung gilt“ (S. 51). Entsprechend dominiert nach wie vor die Vorstellung von Schule als partiell zu digitalisierendem, möglichst aber digitalfreiem Raum. Diese ist vom Philologenverband („Pädagogik vor Technik“, hier schön von Axel Krommer beleuchtet) bis hin zu Manfred Spitzer vorherrschende Meinung: „Warum nicht erst die Grundlagen für Digitaltechnik mit analogen Mitteln aufbauen, um danach umso besser mit digitalen Mitteln umgehen zu können?“ Diese als Beschreibung wahrgenommene Zuschreibung wirkt bis in die Lehrerausbildung hinein: „Von allen Fachgruppen am wenigsten aufgeschlossen gegenüber digitalen Medien sind die Lehramtsstudierenden.“

Demgegenüber stehen engagierte Lehrer:innen und Forscher:innen mit der klaren Vorstellung, dass sich ein Paradigmenwechsel von der Buchkultur zur Digitalität vollzieht, den auch Schule konsequent gehen muss. Zwar gibt es bereits die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ aus der Kultusministerkonferenz, diese reicht aber nicht aus, da die erdachten Kompetenzen selbst noch eine Zuschreibung aus der Buchkultur sind: „Die Beschränkung auf Mündlichkeit, Gedächtnis, Handschrift und das einzelne Individuum kann jedoch die Lernwirklichkeit der Kultur der Digitalität nicht angemessen repräsentieren.“ Sehr pointiert formuliert Krommer metaphorisch den Wunsch: „Ole muss den Würfel sehen!“ (35:07).

Diese Diskussion kann man auch in der Diskussion um „Präsenzunterricht“ beobachten. Allein der Begriff war bis zum März undenkbar: „So selbstverständlich wie Strom war Präsenz für die Planung von Unterricht.“  (21:53). Mittlerweile ist der Begriff zum Mantra aller Kultusminister geworden. „So legte die KMK bereits im Juni fest, die Schulen nach den Sommerferien im Regelbetrieb zu öffnen – und dafür die Abstandsregel im Unterricht zu streichen.“ Dafür wurden sämtliche Hinweise aus dem RKI übergangen, Vorschläge der Leopoldina gar von der NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer als „untauglich“ bezeichnet.

Damit ist die Hegemonialität hier auch autoritär begründet, da sie von den Kultusministerien ausgeht. Der Bundesvorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer (VDR), Jürgen Böhm, wünscht sich hingegen „eine klare Linie, mit klaren Vorgaben. Wir haben die Instrumente, die heißen: Maskenpflicht, Abstandsregel – Hybridunterricht. Man muss sie aber zum Einsatz bringen.“ Aber wie beim vielzitierten Solinger Weg wurde in NRW genau das verboten: „Der Präsenzunterricht in offenen Schulen habe für die geistige, die soziale und die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen höchste Bedeutung, so die Ministerin.“

Innerhalb von dominierenden Kulturen beschreibt Stalder dieses Phänomen als Selbsttäuschung: „Sie tauchen die Welt, die sie beleuchten, in ihr eigenes Licht.“ (S. 50) Das diene primär der Identitätsbildung: „Einerseits trägt sie als Selbstbeschreibung zur eigenen Identitätsbildung bei, da [sie] sich […] Eigenschaften wie „Rationalität“, „Ordnung“ oder „Fortschritt“ zuordnen, die andere Seite hingegen mit […] „Chaos“ oder „Stillstand“ identifizieren.“ (S. 51) Diese Wahrnehmung der KMK-Entscheidungen lässt im Blog von Patricia Drewes beobachten: „Menschen treffen Entscheidungen auf der Basis ihrer intuitiven Wahrnehmung von Schule als gesellschaftliche Aufbewahr- und Reproduktionsanstalt im analogen Raum (und werden darin von schlecht funktionierenden Lernplattformen, Störungen in eigenen Videokonferenzen und die Wahrnehmung von Kontrollverlust in Social Media PR bestätigt).“ Traditionelle Schule sorgt für Ordnung, Distanzunterricht funktioniert hingegen nicht, so ist die Wahrnehmung. Ähnlich deutet das Lars Zumbansen in seiner lesenswerten Analyse der semantischen Räume im Mantra vom Präsenzunterricht: „Die Abwertung des Raumes “Distanzunterricht” wird dabei aus kolportierten Erfahrungen aus dem ersten Lockdown (t 1-2) gespeist: Chaos, monatelange Funkstille zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen, bevor dann die segensreiche Idee des flächendeckenden Präsenzunterrichts (t 2) geboren wurde.“

So liest sich die Entscheidung der Minister als nachvollziehbare Selbsttäuschung. Stalder beschreibt dieses als Denken in „Kategorien, die wesentlich dazu beitragen, die Zustände hervorzubringen, die sie zu beschreiben vorgeben.“ (S. 50) Im Hinblick auf das Schulsystem würde damit erklärt, „dass die Strukturen von Schule offenbar sehr stabil sind“, wie Drewes bedauernd reflektiert.

KMK-Entscheidung als Verstärkerthese höherer Ordnung

Auf einer abstrakteren Ebene lässt sich die Reaktion der Kultusminster auch im Sinne der Verstärkerthese lesen: Jöran Muuß-Merholz hat […] darauf hingewiesen, dass digitale Medien schlicht nur die bestehende Lernkultur verstärken könnte: Wer eher behavioristisch unterwegs ist, wird bewusst oder unbewusst die entsprechenden Potenziale des Digitalen nutzen, um dies zu verstärken – wer konstruktivistisch unterwegs ist genau so.“

Die Entwicklungen, die durch technische Innovation in der Schule stattfinden, sind also sehr ambivalent. Während die Pioniere der Kultur der Digitalität in Corona eine Chance sehen, Dinge auszuprobieren und zu verändern, neigen die Kultusminister und auch Teile der Bevölkerung dazu, aufgrund der vermeintlich schlechten Erfahrungen aus dem Frühjahr Unterricht und Lernen stärker zu kontrollieren. Eine unkontrollierte Nutzung von digitalen Medien zuhause scheint demnach nicht sinnvoll, nur eine kontrollierte und dosierte Nutzung im Präsenzunterricht würde funktionieren. Das würde die Entscheidungen der KMK verstehbar machen, ebenso die Weigerung, die Protokolle der Sitzungen zu veröffentlichen. Der eindimensional-polemische Kommentar von Christian Rickens im Handelsblatt wäre insofern gespeist von den reproduktiven Kräften des Systems, hier in Form der Wirtschaft: „ ‚Homeschooling‘, so der Euphemismus für diese geistige Armenspeisung, ersetzt nicht einmal annähernd den Präsenzunterricht im Klassenraum.“

Dementsprechend forderte die baden-württembergische Kultusministerin Eisenmann jüngst Präsenzunterricht „unabhängig von den Inzidenzzahlen“ für Januar 2021. Dagegen regt sich nun aber gewerkschaftlicher Widerstand von Seiten der GEW: „Präsenzunterricht ist gut und wichtig. Ihn als alternativlos darzustellen und nach dem Prinzip „Augen zu und durch“ zu fordern ist ignorant und zeigt wie wenig das @KM_BW die Wirklichkeit in den Schulen kennt!“

Für Stalder resultiert schließlich das Ziel, „eine Sprache, ja eine kulturelle Landschaft zu entwickeln, die ohne hegemoniales Zentrum auskommt und damit auf Vielheit statt auf Einheit ausgerichtet ist.“ (S. 52) Es bleibt also die Frage nach den konkreten Möglichkeiten, Wege auszuhandeln, die nicht rein von oben verordnet, sondern auch von unten ermöglicht sind.

Hybridisierung als Aushandlung von Kultur bei Stalder

Dafür setzt Stalder der auf Hegemonialität basierenden Dominanz bei Said die konstruktive Sicht von Homi K. Bhabha gegenüber: Hybridisierung weist „darauf hin, dass die gesamte Kultur rund um Verhandlungen und Konflikte konstruiert“ (Homi K. Bhabha, zitiert nach Stalder, S. 53) und somit ein notwendiger Prozess ist. „In allen kulturellen Praxen gibt es den – manchmal guten, manchmal schlechten – Versuch, Autorität zu etablieren.“ Bhabhas lösungsorientierter Ansatz verweist auf die Chancen: „Hybridisierung heißt für mich nicht einfach Vermischen, sondern strategische und selektive Aneignung von Bedeutungen, Raum schaffen für Handelnde, deren Freiheit und Gleichheit gefährdet sind.“ (Bhabha nach Stalder, S. 53). Auch wenn Freiheit und Gleichheit in der Hierarche einer Bürokratie nicht funktionieren, geht es dennoch um Klinges Idee, die in der Ablehnung des Solinger Weges durchkreuzt wurde. Schulen werden eigenständig genannt, aber extrem restriktiv behandelt, wie Drewes pointiert beschreibt: „Unsere Rolle als Lüftungsmanager, Maskenkontrolleurinnen, Sitzplanprotokollanten, Kontaktnachverfolgerinnen haben wir mit Bravour bewältigt.“ Aber: „Gruppenarbeiten wurden vielfach als nicht aerosolkonform und zu kontaktverfolgungsintensiv abgetan“, wodurch für Drewes unser eigentlicher pädagogischer Auftrag zu kurz kommt. Im Gegenteil hinterfragt sie die Motive: „Viel deutlicher zeigt sich, dass hier ein System […] interessante Abwehrmechanismen auffährt, um sich nicht mit Veränderung auseinandersetzen zu müssen: Die Lehrkräfte seien nicht kompetent genug […], wir schaffen keine Schultransformation in der Pandemie […], die Schüler*innen seien aber so unselbstständig […]. Wer wirksam sein möchte, […] sollte […] gegen die Organisation denken und deren Praktiken auf Zeitgemäßheit und Sinnhaftigkeit hinterfragen.“

Damit zeigt sie für Stalder die Strategie der Marginalisierten: „Hybridisierung ist also eine kulturelle Strategie, um von außen festgeschriebener Marginalität zu entkommen: Subjekte, die aus der Perspektive der dominanten Kultur dazu nicht befähigt sind, eignen sich Kultur an und verwandeln diese in etwas anderes. […] Damit wird eine kulturelle Auseinandersetzung in Gang gebracht und Bedeutungshoheit hinterfragt.“ (S. 53) Das macht Drewes, indem sie eigene Kolumnen bloggt, denn: „Wer die Kultur der Digitalität und die damit verbundenen kreativen Möglichkeiten verstanden hat, gestaltet Kolumnen.“

Damit handelt sie genau im Sinne von Stalder und Bhabha: „Es handelt sich also um eine Strategie, mit der hegenomiale kulturelle Rahmenbedingungen aufgebrochen werden können, die Handlungsfähigkeit sehr ungleich verteilen, und mit der das […] als eigenständige und eigenwertige kulturelle Produktion […] verhandelbar gemacht werden kann.“ (S. 54) So wird ein Prozess der Aushandlung möglich, da Formen und Sprachen zur Verfügung stehen, um diese Forderungen zu artikulieren und „auf ihrer Grundlage neue Positionen in der öffentlichen Auseinandersetzung zu legitimieren und bestehende Mechanismen der kulturellen Marginalisierung anzugreifen.“ (S. 56) So können sich weitere gesellschaftliche Gruppierungen „aktiv in kulturelle Prozesse“ (S. 56) einmischen: „Personen, deren Identität und Erfahrung [anders… ] geprägt sind“ (S. 56). Hier spielen die Denkweise und die Erfahrung der Protagonisten eine große Rolle. So modelliert Drewes nach Stalder – wie viele Mitglieder des #Twitterlehrerzimmers – „ihre spezifische Erfahrung als konstitutiven Beitrag für die Gestaltung der Gegenwart – in Verbindung und in Konflikt mit anderen Beiträgen, aber auf Augenhöhe und mit gleicher Berechtigung wie diese“ (S. 58). Sie kritisiert beispielsweise das „Beharren auf traditionellen Formen der Leistungsüberprüfung“ und betont damit ein zentrales Thema aus der Kultur der Digitalität: die Forderung nach einer Weiterentwicklung der Prüfungsformate. Krommer erläutert, Schule setze „in der Regel immer noch auf Prüfungsformate, die einseitig auf den Paradigmen der Oralität und Skriptografie beruhen und strikt auf das isolierte Individuum ausgerichtet sind. Im Abitur gibt es hand(!)- schriftliche Examina und mündliche Prüfungen, für die der Leitspruch ‚Du weißt nur, was Du im Gedächtnis trägst‘, gilt und in denen jeweils die Leistung eines einzelnen Menschen im Zentrum steht.“

Dass die Gegenwehr aus der KMK nun so groß ist, überrascht nach Stalder nicht: „Dass im Alltag vielfältige Formen der Diskriminierung […] nicht nur weiter wirksam sind, sondern auch als Gegenreaktionen zu dieser neuen Situation vermehrt zu beobachten sind, überrascht nicht, schließlich werden hier etablierte Machtansprüche infrage gestellt.“ (S. 58).

Ein kleiner Ausblick

Damit bleibt die Frage, in welche Richtung sich Bildung in Deutschland entwickelt. Geht es in Richtung Datadaktik oder Digidaktik nach Beat Döbeli Honnegger oder halten wir die Kultur der Digitalität ganz aus unseren Schule heraus, damit sich Kinder besser konzentrieren können? So vertritt Bildungsforscher Michael Kerres gar die These: „Wir wollen den Bildungsbereich gar nicht digitalisieren!“

Für mich jedenfalls ist die Perspektive für 2021 klar: Mehr bloggen, mehr vernetzen, Deutungshoheiten hinterfragen!

Ein Kommentar zu „Das Mantra vom Präsenzunterricht

  1. Ich analysiere das Phänomen anders, vielleicht pragmatischer.
    Es hat sich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten kaum jemand in der Politik für die Bildung sog. bildungsferner Schichten interessiert. Warum ist das in der Pandemie nun anders? Es geht immer noch nicht um die Kinder, sondern um die Arbeitskraft der Eltern. Sie sollen Zeit haben, zur Arbeit zu gehen, um „die Wirtschaft“ am laufen zu halten.
    Merke: Wenn eine CDU – oder FDP – Politikerin sich Gedanken um das Wohlergehen von „Bildungsfernen“ macht, ist Skepsis angebracht.

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