Zeitgemäße Bildung

Was, wenn sie schon alles wissen?

Lehrer:innen erleben gut informierte Schüler:innen im traditionellen Unterricht schnell als Gefahr und Störung für einen Unterrichtsverlauf, in dem gemeinsam das Thema erkundet und erarbeitet werden soll. Dabei liegen darin eigentlich große Chancen, wenn ich mir über meine Ziele im Klaren bin – und über die meiner Schüler:innen.


Im Referendariat wäre das mein größter Albtraum gewesen: Die Klasse weiß bereits alles, was ich ihnen beibringen möchte. Jede Frage, die ich stelle, wird präzise und umfassend beantwortet. Genau das passiert Katherine Watson, gespielt von Julia Roberts im Film „Mona Lisas Lächeln“. In der ersten Vorlesung ihres Kurses Kunstgeschichte muss sie schnell feststellen, dass ihre Studentinnen exzellent vorbereitet sind:

„Wie viele von Ihnen haben das ganze Lehrbuch gelesen?“

Mona Lisas Lächeln (9:15)

Sie ist mit der Situation sichtlich überfordert. Ein erfahrener Kollege hat die Vorlesung mitverfolgt und erwartet mehr von ihr in der nächsten Vorlesung. Mein Seminarleiter hätte zu Recht „mangelnde Lernprogression“ moniert, denn die Studentinnen haben tatsächlich nichts Neues gelernt, nur gelerntes Wissen reproduziert. Sie hatten vorab nicht nur das ganze Lehrbuch gelesen, sondern sogar „die entsprechende Sekundärliteratur“ (9:19). Heute wiederum würde ich mich über eine solche Situation freuen, das wäre eigentlich der perfekte Flip für den Classroom. Meine Schüler:innen hätten sich zuhause gut auf das Thema vorbereitet, wir könnten die Mühen der Erarbeitung der Informationen überspringen, stattdessen direkt Wissen vernetzen, vertiefen und kritisch hinterfragen. Außerdem arbeiten die Studentinnen im Film höchst eigenständig, fast wie es mir vorschwebt: 

„Wenn das alles ist, widmen wir uns wieder unseren eigenen Studien.“

Mona Lisas Lächeln (9:23)

Gefahren durch Bücher in Schüler:innenhand?

Eigentlich erlebt Katherine Watson im Film, was Hugo von Trimberg Ende des 13. Jahrhunderts befürchtete. Zuvor wurden Bücher vom Lehrer diktiert, sodass die Schüler ihr Wissen eigenhändig notiert hatten. Nun aber sollten die Schüler selbst Bücher als Lehrbücher nutzen. Matthias Förtsch und Friedemann Stöffler bringen die damalige Befürchtung schön auf den Punkt:

„Die Lehrkraft wird überflüssig, wenn alle Schülerinnen und Schüler selbst Dinge in Büchern lesen können.“

(Matthias Förtsch, Friedemann Stöffler: Die agile Schule. S. 35).

Aus ähnlichen Gründen mochte ich im Referendariat die Religionsbücher für die Mittelstufe nicht. Da stand bereits alles drin, was meine Klassen lernen sollten – und wenn mal jemand die Seiten im Buch vorab gelesen hatte, kannte er mein wohlüberlegtes Lernziel bereits. Zugleich entsprach es nicht meinen Ideen von entdeckendem Lernen, dass im Unterricht nur erarbeitet wurde, was ohnehin im Schulbuch stand. Insofern habe ich oft mit Kopien gearbeitet und die Bücher weitgehend aus meinem Unterricht verbannt – in der Hoffnung, niemand würde vorher im Buch lesen und mich im Unterrichtsbesuch blamieren wie Katherine Watson.

Arbeit im eigenen Tempo als Problem für den kontrollbasierten Unterricht

Dann hat mir ein Mitreferendar den entscheidenden Tipp gegeben: „Wenn jemand am Anfang das Lernziel bereits ausspricht, notierst Du es an der Tafel, stellst es zur Diskussion und versiehst es mit einem Fragezeichen. Und dann überprüfst Du mit der Lerngruppe diese These im weiteren Stundenverlauf!“ Seitdem hatte dieses Szenario seinen Schrecken für mich verloren. 

Dennoch wird die Weiterarbeit im Thema durchaus als Problem wahrgenommen. Beispielsweise wenn Kinder im Arbeitsheft zu viele Aufgaben bearbeitet haben und die vor-gearbeiteten Ergebnisse von der Lehrperson ausradiert werden. Ziel des Unterrichts scheint dabei nicht das individuelle (oder gar personalisierte) Lernen zu sein, sondern das gleichzeitige Lernen der ganzen Klasse. Unterschiedliche Lerntempi sind unübersichtlich und schwierig zu kontrollieren, der Gleichschritt hingegen ist überschaubarer. Neugierde und Lernfreude werden dann allerdings unterdrückt und verkümmern – wie das leider so oft in Schul- und Lernbiografien passiert.

Offene Fragen als Chance

Statt die gewohnte Kontrolle wiederzuerlangen, nutzt Katherine Watson im Film das Potential, das ihre Studentinnen bieten. Sie passt ihren Unterricht in der nächsten Sitzung an und präsentiert Kunstwerke, deren Interpretation die Studentinnen nicht reproduzieren können:

„Darauf gibt es keine falsche Antwort. Und es gibt auch kein Lehrbuch, was Ihnen sagt, was sie denken sollen!“

Mona Lisas Lächeln (15:45)

Sie fordert ihre Studentinnen heraus, eigenständig zu denken, Wissen zu vernetzen und den Transfer zu wagen. Sie sollen selbst Kriterien entwickeln:

„Was ist Kunst? Was macht sie gut oder schlecht? Und wer entscheidet darüber?“

Mona Lisas Lächeln (16:39)

Damit öffnet sie ihren Unterricht inhaltlich. Sie führt ihn weg von den Fragen, die sich eindeutig beantworten lassen. Damit „tritt sie der altmodischen Gesellschaftsmoral der Institution entgegen und inspiriert ihre traditionsbewussten Studentinnen, sich mutig und selbstbewusst den Herausforderungen des Lebens zu stellen.“

Allerdings ist sie trotz der inhaltlichen Offenheit weit entfernt von heutiger zeitgemäßer Bildung. Ich sehe es nur bedingt als meine Aufgabe als Lehrer, solche Fragen selbst zu stellen. Tragfähige Neugier prägt Unterricht, wenn meine Schüler:innen selbst die entscheidenden Fragen stellen. Und wenn sie ihnen auch wichtig sind und nicht nur aufgrund eines Erwartungsgeflechts ausgesprochen werden. Dafür wären entsprechende Techniken und Methoden wichtig, diese haben aber nach wie vor zu wenig Raum im stofffixierten Unterrichtsalltag. Die Question Formulation Technique von Nele Hirsch eignet sich dafür beispielsweise sehr schön. Auf systematischer Ebene wünschen sich Initiativen wie „Schule im Aufbruch“, dass „Schüler*innen lernen, Fragen zu stellen, statt Antworten zu geben.“

Ziele des Unterrichts entscheiden

Als Frage bleibt dabei, welches Ziel ich als Lehrer verfolge. Wenn ich meine Schüler:innen gut kontrollieren möchte, sollte ich lieber im Gleichschritt arbeiten lassen. Dann kann ich reproduzierbares Wissen abfragen, wie es in Katherine Watsons College üblich ist. Dessen Lehrkonzept ist stark geprägt von kanonischem Wissen, im Lehrbuch verbindlich notiert. Dafür sind Lehrende tatsächlich redundant. Wenn deren Aufgabe darauf begrenzt ist, reproduzierbares Wissen zu vermitteln (und die Lernenden fleißig und begabt sind), werden Lehrende defunktionalisiert. Wenn zudem wie im Film von ihnen erwartet wird, anspruchsvoll zu lehren und zu prüfen, müssen sie dysfunktional vorgehen und Lernende unter Druck scheitern lassen: durch Zeitlimits und Stofffülle, aber auch psychologischen Druck. Oder durch übertriebene Komplexität von Prüfungsaufgaben wie die mehrfache Negation bei Multiple-Choice-Tests in meinen Psychologieprüfungen.

Für mich ist das Ziel hingegen, meine Schüler:innen zu befähigen, sich Wissen selbst anzueignen. Sie auf lebenslanges Lernen vorzubereiten. Sie auf ein Leben vorbereiten, was sich angesichts des Innovationstempos erheblich vom heutigen Alltag unterscheiden wird, sowohl beruflich als auch privat.

Dafür müssen sie lernen, sich mithilfe eines Buches oder anderer Medien zu informieren. Dabei muss ich aber auch der 600 Jahre alten Sorge von Hugo von Trimberg Rechnung tragen. Er wollte, dass seine Schüler jede Information abschreiben und nicht nur lesen, „da sie ihnen äußerlich zu bleiben drohe“ (Förtsch/ Stöffler: Die agile Schule. S. 34, ursprünglich Michael Baldzuhn: Schulbücher im Trivium des Mittelalters und der frühen Neuzeit). Auch meine Schüler:innen sollen das erworbene Wissen verinnerlichen. Offensichtlich ist von Trimbergs Ansatz seinem Medienverständnis geschuldet: Damals war das Wissen der Welt überschaubar und tatsächlich im Laufe eines Lebens aufzuschreiben. Heute hingegen wächst das Wissen exponentiell und verdoppelt sich in wenigen Jahren. Daher gilt es, Wissen anders zu verinnerlichen, indem wir beispielsweise Kriterien für Relevanz entwickeln, wie es Katherine Watson in Kunstgeschichte exemplarisch macht. Dann benötigen die Schüler:innen mich nicht, um ein Buch zu verstehen. Aber um Wege und Methoden kennenzulernen, das Wissen zu verinnerlichen. Meine Rolle wandelt sich vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter.

Lebenslanges Lernen als Ziel?

Dabei muss ich respektieren, dass sich nicht alle Menschen für die Idee lebenslangen Lernens begeistern. Genau darin liegt im Film das Problem der Katherine Watson – trotz ihres engagierten und inspirierenden Unterrichtes, vielleicht grade aufgrund ihres großen Engagements. Sie möchte ihre Studentinnen auf den Weg des lebenslangen Lernens führen, aber nicht alle wollen das. Für die meisten Studentinnen ist der Lernprozess mit der Heirat zuende:

„Nach dem Abschluss habe ich vor zu heiraten.“ – „Und danach?“ – „Und danach bin ich… verheiratet!“

Mona Lisas Lächeln (32:40)

Das kann sie aber nicht akzeptieren und bedrängt ihre Studentinnen, sich trotz der Hochzeit an der Universität einzuschreiben. Sicherlich ist das auch dem Plot geschuldet, Katherine Watson kann aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen letztlich nicht akzeptieren, wenn ihre Schützlinge andere Wege gehen:

„Du bist nicht hier, um jungen Menschen auf ihrem Weg zu helfen. Du bist hier, um ihnen zu helfen, Deinen Weg zu gehen!“

Mona Lisas Lächeln (1:36:40)

Darin aber besteht für mich wahre (Lern)begleitung: Den Lernenden helfen, ihre eigenen Wege zu finden, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Diese kann ich hinterfragen, aber nur vor dem Hintergrund, sie auch un-bedingt zu akzeptieren.

Und was ich mache, wenn meine Schüler:innen nicht lernen wollen? Das wird ein Thema meiner künftigen Postings.

cc by Niels Winkelmann

WZ-Kolumne

Digitale Kompetenzen?

„Ich möchte meine Schüler für die Zukunft fit machen!“ Diese Binsenweisheit schließt seit Jahren auch digitale Kompetenzen ein. Dafür nannten bereits 2016 die Kultusminister 61 Kategorien von Fähigkeiten, die ich vermitteln soll. Ein Blick auf diese Vielzahl kann mich als Lehrer verzweifeln lassen – wann soll ich das denn noch alles schaffen?

Da hilft ein Blick auf das große Ganze: Es geht um den kompetenten Umgang mit Digitalem, konkret mit einem Phänomen, das der Soziologe Felix Stalder 2016 als neue Kultur, als „Kultur der Digitalität“ einordnete. Deren Ursprung sieht er nicht im Siegeszug des Internets. Sie wurzelt in kulturellen Phänomenen wie der Vernetzung von Unternehmen in den 1960ern oder identitätsstiftenden Gemeinschaften wie den Umweltschutz-,Friedens- oder LGTB-Bewegungen, die unser Selbstverständnis als Gesellschaft mit prägen. Vernetzung und Gemeinschaftsbildung haben mit der technischen Entwicklung die neue Kultur hervorgebracht.

Dort gibt es mehr Medienschaffende als früher. Neben Journalisten und Redakteuren könnten alle nun Texte bloggen, Fotos bei Instagram und Videos bei YouTube hochladen. Daher teilen und liken wir, um die Informationsflut zu ordnen. Dabei zeigen sich nach Stalder drei Merkmale: Wir nutzen verstärkt (1) Referentialität, verleihen also Bedeutung durch Likes auf Facebook, aber auch durch das Versenden von Bildern in WhatsApp oder durch TikTok-Tänze – weil wir gedanklich und technisch vernetzen. Diese Bedeutungen entstehen aber erst in (2) Gemeinschaftlichkeit: So gewinnen Bilder an Bedeutung, wenn sie oft verschickt werden und auch nach Veränderung wiedererkannt werden – als „Meme“. Sie haben kulturelle Bedeutung, weil sie als gemeinsames Wissen Identität stiften und damit kollektive TV-Erinnerungen wie „Wetten dass..?“ abgelöst haben. Und all das wird befördert durch die (3) Algorithmizität, ohne die wir nicht die passenden Bilder, Webseiten und Videos finden können, mit der wir unseren Blick aber zu zugleich einschränken wie in „Filterblasen“.

Diese Kultur gilt es zu verstehen, mitzugestalten und zu reflektieren. Wenn unsere Schüler das können, haben sie einen großen Schritt geschafft. Sie können die neue Kultur für sich nutzen und vielleicht sogar weiterentwickeln. Sie sind fit für die Zukunft.

cc by Niels Winkelmann

WZ-Kolumne

Gibt’s da nicht ne App?

„Meine Tochter tut sich in Mathe so schwer, gibt’s da nicht ne App?“ Mein Jugendfreund Thomas steht auf Apps und Gadgets. Keine technische Spielerei lässt er aus. Technik first, Bedenken second scheint manchmal sein Motto.

„Welches Thema hat sie denn grade?“ Manchmal gibt es hilfreiche Apps. Geometrie etwa funktioniert oft besser mit einer guten Visualisierung.

„Nein, kein konkretes Thema. So grundsätzlich halt. Wir hatten auch an Nachhilfe gedacht. Eine App wäre halt cooler, da lernt man nebenbei! Du lernst doch auch die ganze Zeit am Tablet – hast Du mal erzählt!“ 

Thomas ist definitiv auf dem Technik-Trip. Und er verwechselt da etwas: Ja, ich lerne oft und viel am Tablet. Manchmal fühlt sich das ganz leicht an. Aber nein, dafür gibt es keine App, aus der das Wissen dann in mich hineinströmt. Oft informiere ich mich im Internet und lerne fast nebenbei Neues. Wenn ich ein Thema interessant finde. Das nennt die Pädagogik informelles Lernen. Auch den Gegenpol, formales Lernen, nutze ich. Oft sind das Onlinekurse. Die haben wie Schule einen formalen Rahmen: Neues wird erklärt, dann gibt es dazu Aufgaben, die ich lösen muss; am Ende gibt es eine Bescheinigung, aber ohne Noten.

Aber beides wird Thomas nicht helfen. Er hofft auf eine Lösung, die es nicht gibt. Er möchte seiner Tochter die Mühen des Lernens ersparen. Wie mein informelles Lernen soll das ablaufen. Aber informelles Lernen ist stark vom Interesse der Lernenden abhängig. Unser Schulsystem hingegen soll sicherstellen, dass alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe können.

Dennoch kann man Vieles mit Spaß und nebenbei lernen. Dafür nutze ich als Lehrer Möglichkeiten, bei denen meine Schülerinnen und Schüler das Lernen mit kreativer Arbeit verbinden können. Wenn sie etwas Eigenes produzieren, ein Video, einen PodCast oder ein Ebook. Das passiert dann zwar mit einer App, dennoch lernt auch da niemand von selbst. Erst die Eigenaktivität führt zu Lernprozessen und neuen Lernwegen. So ist Lernen weniger formalisiert, aber dennoch nicht beliebig. Denn am Ende müssen sich alle daran messen lassen, ob das Thema ganz verstanden wurde. So lernen sie auf eigenen Lernwegen Vieles nebenbei. Anderes müssen sie sich hart erarbeiten, weil sie das nicht so spannend finden. 

Nur: Wie erkläre ich das Thomas? Dafür hätte ich gerne eine App.

Diese Kolumne wurde am 27. April in gekürzter Fassung in der Wilhelmshavener Zeitung veröffentlicht.

cc by Niels Winkelmann