Allgemein

Fernunterricht als Chance für digitale Helfer und formative Assessments

Januar 2021. Ich darf meinen Prüfungskurs Religion in zwei Räumen gleichzeitig unterrichten. Deutsch und Mathematik sowie das Seminarfach unterrichte ich (mindestens) drei Wochen rein digital. Ich möchte die Situation als Chance begreifen und digitale Helfer möglichst gut nutzen. Und ich möchte mich dabei an den Ratschlägen von Krommer/Wampfler/Klee orientieren:

So viel Empathie und Beziehungsarbeit wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig.
So viel Vertrauen und Freiheit wie möglich, so viel Kontrolle und Struktur wie nötig.
So viel einfache Technik wie möglich, so viel neue Technik wie nötig.
So viel asynchrone Kommunikation wie möglich, so viel synchrone wie nötig.
So viel offene Projektarbeit wie möglich, so viele kleinschrittige Übungen wie nötig.
So viel Peer-Feedback wie möglich, so viel Feedback von Lehrenden wie nötig.

Zum Schulsetting

Als niedersächsisches Gymnasium haben wir im Januar den Jahrgang 13 im Präsenzunterricht, die übrigen Jahrgänge lernen nur zuhause. In der Schule haben wir den Luxus eines ziemlich gut funktionierenden W-LAN, über IServ können wir Videokonferenzen abhalten und Aufgaben stellen, sodass eine technische Infrastruktur als gute Grundlage vorhanden ist.

Mathematik (Klassen 6 und 8)

In Mathematik arbeite ich in zwei iPad-Klassen seit dem Herbst mit einer Variante von EduScrum (Beitrag folgt). Die Schüler:innen arbeiten in Kleingruppen, im Herbst an die Sitzordnung gebunden, nun in selbstgewählter Formation. In den Gruppen bekommen sie den Auftrag, sich den nächsten Themenabschnitt selbst zu erarbeiten:

Wie im Herbst sollen sie sich zunächst die Einführungen im Buch erarbeiten und/ oder Erklärvideos dazu schauen. Anschließend haben sie Übungsaufgaben im Buch nach Wahl, am Ende nutzen sie Bettermarks oder Anton, um zu überprüfen, ob sie die Aufgaben beherrschen. Als Abschluss bekommen sie je individuelle Aufgaben (wie die Teilaufgaben bei einer Mathematikarbeit), für die sie in einem Video die Lösung vorrechnen. Damit möchte ich eine Form des formativen Assessments nutzen und den Schüler:innen Feedback und Gelegenheit geben, einen verbesserten Versuch zu wagen. Inwieweit hier ein PeerReview möglich wird, möchte ich austesten, indem die Videos in ein Padlet hochgeladen werden, sodass sie bewertet und kommentiert werden können. In dieser Arbeitsphase möchte ich die schnelleren Lernenden mit komplexeren Zusatzaufgaben oder selbstgewählten Forschungsaufgaben oder Projekten fordern.

Nach dieser Arbeitsphase schließt sich eine Reflexion in der Gruppe an, wie der Arbeitsprozess (selbst) organisiert war, bevor wir in den nächsten Themenabschnitt übergehen.

Deutsch (Klasse 10): Rollenbiografie

In Deutsch steht als nächstes Thema Drama auf dem Plan. In der letzten Fachkonferenz haben wir beschlossen, dass wir die Klassenarbeit „Rollenbiografie“ ersetzen können durch eine Portfolioarbeit.

Daher habe ich meine Schüler:innen gebeten, ein Drama (aus einer Liste, folgt) auszusuchen oder mir ein anderes vorzuschlagen. Damit sie weiter in sozialen Zusammenhängen arbeiten, sollen sie Gruppen bilden, in denen sie sich das Drama (kreativ) erarbeiten (Liste mit Möglichkeiten folgt).

Anschließend sollen sie individuelle Rollenbiografien erarbeiten. Dafür erstellen sie Entwürfe, für die sie in Kleingruppen (mit mir zusammen) Feedback bekommen, um diese weiterzuentwickeln und zu überarbeiten. Als digitales Tool möchte ich auch hier Padlet nutzen, möglicherweise aber auch ein digitales Portfolio in ILIAS erstellen lassen. Aus den Ergebnissen der Gruppenarbeitsphase und der individuellen Arbeitsphase erstellen sie dann ein Portfolio mit den besten Ergebnissen. Dazu erstellen sie ein Vorwort, das die eigene Lernentwicklung in den Blick nimmt (Anleitung folgt).

Deutsch (Kurs auf erhöhtem Niveau in Jg. 12)

Mein Deutschkurs hatte sich noch im Dezember für Faust als Wahlpflichtmodul entschieden. Daher starte ich auch hier ein Lektüreprojekt. Nachdem die Schüler:innen in der ersten Doppelstunde „Trezy spricht Blume“ zu den drei Prologen gelauscht haben, sollten sie drei wichtige Zitate dazu notieren und die dahinterstehenden Themen zuordnen. Der Versuch, mit einem oncoo.de/placemat in den Austausch zu kommen, ist leider in der folgenden Videokonferenz gescheitert, sodass wir über das Whiteboard Themen gesammelt und Gruppen gebildet haben. Die Gruppen erarbeiten nun (in unserem bisher wenig genutzten ILIAS) Wiki-Einträge zu ihren Themen. Die Einträge sollen sie in der nächsten Videokonferenz vorstellen, sodass die Lerngruppe (und ich) Feedback geben können. Danach sollen die Einträge dann ausgearbeitet, online gestellt und kommentiert sowie im Sinne der Referentialität vernetzt werden.

Im zweiten Teil des Januars soll das Pflichtmodul vertieft werden (Figuren- und Konfliktgestaltung, Kommunikation in Dramenszenen). Prozessorientiert sollen dafür zu den Themen aus dem Wiki individuell Analysen von Figuren, Konflikten oder Kommunikation anhand von Dramenszenen erwachsen. Auch hier werden wir in Videokonferenzen (Peer)Feedback ermöglichen für eine Weiterentwicklung der Analysen.

Seminarfach (12)

Im Seminarfach stehen im Februar die Facharbeiten an. Diese Wochen hatten wir eine Einführung in die Landesbibliothek Oldenburg. Gezeigt (und geübt) wurden vor allem das Leihverfahren und die Literaturrecherche, aber auch die Fernleihe war eine Thema. Darüber hinaus haben meine Schüler:innen die Möglichkeit der Online-Facharbeiten-Sprechstunde kennengelernt.

In den nächsten beiden Wochen geht es darum, die Themen zu vereinbaren und die Formalien zur Erarbeitung einer Facharbeit zu klären. Dafür habe ich bereits im Dezember als Aufgabe in IServ um Themenformulierungen und zugehörige Fragen gebeten. Daher weiß ich, dass viele Schüler:innen da schon eine Idee haben. Diese werden wir in den nächsten Wochen sprechstundenartig in Videokonferenzen konkretisieren. Parallel erarbeiten die Schüler:innen in einem Selbstlernkurse in ILIAS die wichtigsten Grundlagen für das Erstellen einer Facharbeit. Dafür habe ich schöne Materialien bei wirlernenonline.de gefunden, beispielsweise haben sich die Schüler:innen bereits im Dezember einen vorläufigen Arbeitsplan erstellt.

Glücklicherweise habe ich die Schüler:innen darauf verpflichtet, sich eine Microsoft365-Lizenz über die Schule zu holen. Das soll es mir im Februar/ März erlauben, eine Fernbegleitung bei der Facharbeit zu leisten. Dann kann ich allen erklären, wie sie mir ihre Facharbeit freigeben können, damit ich ggf. Feedback im Prozess geben kann – so wie sie mir sonst in den Arbeitsphasen bereits Auszüge gezeigt haben. Natürlich überarbeite ich keine Textabschnitte, kann aber beraten, was die weiteren Schritte angeht. Ich bin gespannt, ob ich im Februar in Präsenz oder auf Distanz beraten darf.

Ein Ausblick

Ich glaube, dass ich in allen Konzepten den Lernenden viele Freiheiten und viel Verantwortung geben kann. Ich glaube, dass ich die Beziehungsarbeit im Blick behalten muss, aber die meisten sind bereits älter und fast alle lernen in sozialen Zusammenhängen. Bei den Tools und Apps sowie der Technik haben wir vieles bereits eingeführt, aber natürlich werde ich immer wieder neue Dinge ausprobieren.

Ich setze viel auf asynchrone Kommunikation mit den Schüler:innen, die Projekte hingegen sind darauf ausgelegt, telefonisch oder in selbstorganisierten Videokonferenzen und Chats synchron zu kommunizieren. Synchron kommunizieren wir vor allem in (Peer)Feedbacks, da ich die bisher noch nicht ausreichend kultiviert habe. Das ist unbedingt weiterzuentwickeln! Kleinschrittige Übungen habe ich aktuell fast nur in Mathematik, das liegt in EduScrum viel in der Selbststeuerung. Darauf bin ich sehr gespannt, wie gut das funktioniert, sehe ich teilweise in den LogBüchern (im Textmodul in IServ), aber letztlich erst im formativen Assessment.

Es bleibt spannend!

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Eine Information macht noch keine Bildung

„Steht im Internet nicht alles, was man heute wissen muss?“ Wenn mein Kumpel Moritz so anfängt, bin ich unsicher, ob er ein ernstes Gespräch sucht oder über mich und meine Lehrerkollegen herziehen möchte. Ich teste vorsichtig: „Du meinst Bill Gates ‚Information at your fingertips‘-Ankündigung?“ – „Ja! Das war doch schon…“ Er zückt sein Smartphone und googelt.

Moritz erklärt jedem ungefragt sein Motto: „Ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo es steht.“ Und im Grunde hat er damit recht – auch wenn ich ihm das nie sagen würde. Schon hat er das Ergebnis: „Gates war 1995 – hätte ich nicht gedacht! Aber: Warum sollen Kinder eigentlich heute noch zur Schule gehen, wenn alles im Internet steht?“ War klar, das sowas kommt. Er findet zielsicher die Spur zwischen ernsthafter Diskussion und dezentem Sticheln. Da hilft nur die freche Gegenfrage: „Aber Du bist doch damals auch zusammen mit mir wie selbstverständlich zur Schule gegangen, obwohl alles, was wir gelernt haben, auch schon in den Büchern der Bibliotheken stand. Wo ist denn da der Unterschied?“ Moritz lächelt überlegen: „Wenn ich damals die Bücher auf dem Smartphone gehabt hätte, dann hätte ich im Abi eine 1,0 hingelegt!“ 

„Hm. Du meinst also, es lag nicht nur an der Rechtschreibung? Wenn Du auf alle Informationen zugreifen kannst, machst Du alles richtig?“ Ich mag Moritz wirklich, aber das war jetzt ziemlich naiv. Er ist als Geschäftsmann echt erfolgreich, aber wenn er Texte für seinen Webshop hat, bringt er sie direkt mir vorbei und sagt: „Schau mal drüber!“ Was er meint: „Finde die passenden Formulierungen und korrigiere Grammatik und Rechtschreibung!“ Gefühlt brauche ich jedes Mal Stunden dafür.

„Hast recht! Steht alles im Internet, aber Rechtschreibung kriege ich bis heute nicht hin.“ Da habe ich ihn: „Genau. Information ist nicht Wissen. Und das ist meine Aufgabe als Lehrer. Schülerinnen und Schüler entdecken das sogenannte Weltwissen, was traditionell in Büchern stand und immer mehr im Internet zu finden ist. Wenn sie das für sich verarbeiten, wird daraus Handlungswissen. Dann können sie beispielsweise Texte fehlerfrei schreiben, die Statik einer Brücke berechnen oder den Unterschied zwischen Information und Wissen definieren.“

Dieser Artikel erschien am 20. Oktober 2020 unter dem Titel „Information ist nicht Wissen“ in der Wilhelmshavener Zeitung unter der Rubrik „Tech-Talk“.

Allgemein · Zeitgemäße Bildung

Lernende besser machen – wie einst Klinsmann die Bayern?

Von großen Ankündigungen und tiefem Fall: Jürgen Klinsmann und der FC Bayern

Als Klinsmann 2008 als Trainer den FC Bayern München übernahm, kündigte er an: „Ich will jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen“. Eigentlich ist diese Aussage trivial. Die Alternativen, die Spieler nur an weniger Tagen besser zu machen, sie gar schlechter zu machen oder stagnieren zu lassen, keine sind Optionen. Sein Vorhaben war somit alternativlos. Das Medienecho war dennoch groß, vor allem wurde ihm seine Ankündigung im Nachhinein vorgehalten – beispielsweise von Günter Netzer.

Bei genauerem Hinsehen können wir über Lernen (und Lehren) viel an dieser Episode verstehen. Eigentlich hatte Klinsmann einen Bildungsanspruch für seine Profis erhoben und unter anderem versucht, dies durch eine anregende Lernumgebung zu erreichen. So gab es Sprachkurse im E-learning-Room, Messageboards mit Tagesabläufen und dazu Yogakurse für die Profis, die anfangs viel Begeisterung zeigten. Im Rahmen von Eigenverantwortung durften die Spieler in der Nacht vor dem Heimspiel sogar im eigenen Bett schlafen – statt wie üblich im Hotel.

Allerdings hat der Anspruch nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt. Letztlich wurden Trainingslager wieder eingeführt, da die Spieler eben nicht immer eigenverantwortlich eine Bettruhe eingehalten haben. Auch die Kurse wurden wieder abgeschafft, da die Nachfrage schnell wieder nachließ. Nach neun Monaten endete Klinsmanns Zeit beim FC Bayern. Er zeigte sich im Rückblick selbstkritisch: „Ich habe das falsch ausgedrückt. Ein Trainer kann nur helfen, damit sich ein Spieler selbst besser macht.“

Die Fußballanalogie zur Schule

Wir halten fest: Nicht der Trainer macht Spieler besser, Spieler müssen sich selbst besser machen. Der Trainer kann nur helfen. Auf die Schule übertragen: Nicht Unterrichtende machen Lernende besser, Lernende müssen sich selbst besser machen, Unterrichtende können nur helfen.

Mit John Hattie gesprochen: „Das Ziel ist, den Lernenden die Fähigkeit zu vermitteln, sich selbst zu unterrichten – ihr Lernen selbst zu regulieren.“ (Lernen sichtbar machen. S. 289] Oder im Sinne von Jöran Muuß-Merholz und nach Michael Schratz gedacht: Wir müssen vor allem Lernen unter der Bedingung von Digitalität „lernseits“ denken. (Routenplaner#digitaleBildung, S. 151f.).

Sein Leistungsmaximum erreicht der Profi nicht allein

Doch für maximale Leistung ist das nicht hinreichend, wie ein Blick in die heutige Fußballwelt zeigt. Wie beispielsweise Niclas Füllkrug vom SV Werder Bremen wird jeder Profi anhand von Sensoren in der Funktionskleidung überwacht. „Anhand der Daten, die in jeder Einheit von jedem Spieler aufgezeichnet und ausgewertet werden, lässt sich genau ablesen, wann ein Spieler eine Ruhepause braucht oder weiter voll belastbar ist.“ Aus pädagogischer Sicht scheint das Teil einer perfekt individualisierten Lernumgebung zu sein. Die Fußballer können immer an die je individuelle Grenze gehen. Das Trainerteam und die Technik können ihm sagen, wieviel Intensität er erreicht hat, in welchen Bereichen er sich noch steigern kann, welche Lernfelder noch welches Potential bieten.

Aber ein Blick ins Home-Office der Fußballspieler verrät, dass trotz beachtlicher Muskelzuwächse wie bei Leon Goretzka in zentralen Bereichen das Leistungsmaximum nicht erreicht wird. Der Sportwissenschaftler Jürgen Freiwald erläutert: „Bei Spielern, die wir mal mit GPS-Daten analysiert haben, hat man gesehen, dass sie bei normalen Sprints ohne Ball auf maximal 89 Prozent ihrer möglichen Beschleunigung gekommen sind. Dann gab es einen Vergleich: Der Trainer stellte sich in die Mitte und spielte den Ball so, dass zwei Spieler die gleiche Chance hatten, ihn zu erreichen. Da waren wir bei 100 Prozent.“ Er führt das also auf die Trainingsmotivation zurück, die erst in der Interaktion mit anderen Spielern voll durchschlägt.

Wir halten zusätzlich fest: Nicht der Trainer macht Spieler besser, Spieler müssen sich selbst besser machen. Spieler fordern einander zur Höchstleistung heraus. Der Trainer kann nur dabei helfen. Auf die Schule übertragen: Nicht Unterrichtende machen Lernende besser, Lernende müssen sich selbst besser machen. Lernende machen vor allem einander besser! Unterrichtende können nur helfen.

Genau das sagt meine pädagogische Erfahrung aus dem klassischen Unterricht und der Corona-Zeit: Es hilft nur partiell, wenn ich die Kinder mit binnendifferenzierten Aufgaben fordere und fördere, auch reine Selbststeuerung hat ihre Grenzen, es fehlen die Impulse aus der Klasse, das gegenseitige Sich-Herausfordern.

Einander fordern im Unterricht durch 4K – aber auch kompetitiv

Diese Sicht auf Unterricht beinhaltet auch der oft genannten 4K-Ansatz. Hier allerdings bleiben Kreativität und kritisches Denken außen vor, stattdessen kommt es auf Kollaboration und Kommunikation an. In der Auseinandersetzung mit anderen Ideen, anderen Konzepten, anderen Darstellungen und Darstellungsformen, anderen Formulierungen steckt enorm viel individuelles Herausforderungspotential. Wenn ich mit anderen kommuniziere und kollaboriere, gleiche ich laufend meine Ideen und Vorstellungen mit den anderen ab. Dabei setze ich Impulse für die anderen und muss ebenso auf die Impulse der anderen reagieren. In dieser Interaktion fordern wir einander.

Dieses gilt aber nicht nur für den kooperativen Ansatz, sondern auch für den kompetitiven. Dieser fehlt mir persönlich beim 4K-Ansatz, weil auch das Sich-miteinander-Messen ein großer Reiz ist. Damit meine ich nicht das traditionelle 4-Ecken-Rechnen meiner eigenen Schulzeit und auch nur bedingt Rechenwettbewerbe. Vielmehr hat jeder Wettbewerb, jedes Sich-gegenseitig-Herausfordern (ob es um eine Formulierung, ein Konzept oder einen Lösungsweg geht) aus meiner Sicht einen hohen Effekt – analog zur Beobachtung des Sportwissenschaftlers Freiwald im Fußball.

Einander fordern – Konkret im Deutschunterricht

Konkret sichtbar wird die Stärke von dieser Interaktionsformen in meinem Deutschunterricht beispielsweise in Schreibkonferenzen. Schülerinnen und Schüler setzen sich mit den Texten der anderen auseinander. Sie achten auf unterschiedliche Aspekte (natürlich individuell, aber oft durch geführte Anleitung). Sie geben einander Feedback. Sie lernen voneinander. Sie fordern einander durch die eigenen Texte und lassen sich von fremden Texten herausfordern.

Das ist mir digital noch nicht optimal gelungen, aber die Idee ist klar: In Kleingruppen werden geteilte Lernprodukte gewürdigt und (mehr oder weniger) kriteriengeleitet reflektiert. Technisch könnte das in Lern-Management-Systemen (LMS) wie beispielsweise ILIAS oder moodle ebenso gelöst werden wie durch einander freigegebene Dokumente. In der Unter- und Mittelstufe könnte ich das in einem LMS als geschützem Raum besser begleiten und anleiten (analog zum Ansatz des begleiteten Klassenchats bei Wampfler, 27:18-30:18). Hier (oder bei einer späteren Einführung dieser Form des Arbeitens) ist ein angeleitetes und strukturiertes Vorgehen notwendig, um Peerfeedback angemessen und sinnvoll geben zu lassen.

Spätestens in der Oberstufe muss hingegen ein wichtiges Element sein, den Gruppen die Wahl von Dokumenten- und Kommunikationsplattform zu überlassen und sich als betreuender Lehrer stärker zurückzuziehen. Dann könnte ein digitales Gruppenportfolio mit anschließendem Noten-Pool eine Möglichkeit sein, die Eigenständigkeit von Gruppen und Einzelnen zu befördern. Vor allem ist der Ansatz sinnvoller ausgerichtet als die während Corona weit verbreitete Methode, Aufgaben per Mail zu verschicken oder beispielsweise in IServ einzustellen und die Ergebnisse durchzukorrigieren.

Nicht Unterrichtende machen Lernende besser, Lernende müssen sich selbst besser machen. Lernende machen vor allem einander besser! Unterrichtende können nur helfen.

Oder um es mit Krommer/ Wampfler/ Klee zu sagen: „So viel Peer-Feedback wie möglich, so viel Feedback von Lehrenden wie nötig.“

Einander fordern – das Umfeld entscheidet (mit)

Inwieweit neue Ansätze erfolgreich sein können, entscheiden nicht nur die Akteure selbst, sondern auch das Umfeld. So scheiterte Klinsmann auch an der Skepsis der Münchner Bürger und Politiker, die in seinem Ansatz, das Klubgelände mit Buddha-Statuen zu gestalten, einen religiösen Kulturkampf sahen.

Analog benötigt ein Unterrichtskonzept die Unterstützung durch das Umfeld. Die Lernenden müssen den Ansatz nachvollziehen und die Methodik einüben, um den Unterricht produktiv für sich nutzen zu können. Das ist Teil des Meta-Lernens, eine Dimension aus „Die vier Dimensionen der Bildung“, die wir bereits in einem anderen Post thematisiert haben.

Die Eltern müssen (besonders in den jüngeren Klassen) den Ansatz verstehen, um ihr Kind angemessen begleiten zu können. Hierzu gibt es einen schönen Ansatz in Bonn.

Vor allem müssen Kollegium und Schule eine gemeinsame Idee von Schule und Unterricht haben. Einzelne unverbundene Projekte können ohne Synergieeffekte „kaum Wirkung auf Schülerleistungen erzielen“ (H.-G. Rolff: Schulentwicklung kompakt. S. 163).

Nicht Unterrichtende machen Lernende besser, Lernende müssen sich selbst besser machen. Lernende machen vor allem einander besser. Unterrichtende und Schule können nur helfen.

Zugleich können aber auch Leuchtturmprojekte Wirkung erzielen. So hat Klinsmann mit vielen Dingen die Grundlage für den heutigen FC Bayern gelegt. Seine Innovationen wirken in vielen Dingen bis heute nach und haben den Grundstein für die moderne Klubzentrale gelegt.

Zum Ausblick: Antrieb und Motivation

Den letzten Impuls möchte ich Jürgen Klinsmann überlassen, sein Zitat war bisher verkürzt: „Ein Trainer kann einen Spieler nicht besser machen. Der Antrieb muss beim Spieler selbst liegen.“

Worüber wir also nicht gesprochen haben, ist der Antrieb der Lernenden. Aber das sei Thema eines anderen Posts.