Praktisches

Facharbeit als Prozess

Dieser Text ist im Zusammenhang mit einer digitalen Pinnwand  für meine Schüler:innen entstanden, mit der ich den Weg zur Facharbeit von der Themenfindung an begleiten möchte. Hiermit werde ich die Ideen hinter der Pinnwand erklären, die ich in den vergangenen 13 Jahren in der Betreuung von Facharbeiten entwickelt habe.

(Ich möchte sie damit auch zur Diskussion stellen und würde mich über Rückmeldungen via Kontaktformular auf Pinnwand oder Blog sehr freuen!)

Die Pinnwand zeitunabhängige zentrale Sammlung

Meinen Erfahrungen nach ist das Erstellen einer Facharbeit oft ein intensiver persönlicher Prozess. Meine Schüler:innen brauchen dabei entsprechend viele Freiheiten für Eigenaktivität, aber auch Begleitung an den entscheidenden Gelenkstellen. Begleitung auf der Basis vieler Freiheiten besteht für mich im Bereitstellen der passenden Informationen. Dafür eignet sich eine digitale Pinnwand, da dort alle wichtigen Informationen und Anleitungen an einem Ort zu finden sind. Dokumente, die ich im Unterricht verteilt habe, können nicht verloren gehen. Ebenso ist die Pinnwand jederzeit zugänglich, also genau dann, wenn die Schüler:innen an ihrer Facharbeit arbeiten.

Natürlich ist die Pinnwand auf meinen Kurs angepasst. Daher stelle ich sie unter eine „cc by“-Lizenz, damit jede betreuende Lehrkraft die Pinnwand für das eigene Seminarfach anpassen kann und darf.

„Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.“

Afrikanisches Sprichwort

Dem Sprichwort folgend habe ich verschiedene Elemente aus einem Selbstlernkurs des ZfL Köln, aus einer Anleitung der TU Dresden sowie aus einer Videoreihe des SimpleClub miteinander kombiniert, dazu punktuell eigene und weitere Materialien eingebracht. So wird das Vorgehen multiperspektivisch erklärt. Zugleich besteht natürlich die Gefahr der Überfrachtung, das ist auf diesem Weg nicht auszuschließen.

(Persönliche Anmerkung: Ich sehe SimpleClub und die zugehörige Werbung durchaus kritisch, aber in diesem Zusammenhang funktionieren die Videos sehr gut. Die Alternative, alle Videos selbst zu erstellen, war mir bisher zu aufwändig.)

Den Erstellungsprozess in der Pinnwandstruktur

Einerseits sagt zwar meine Erfahrung, dass sich die Arbeitsprozesse der Schüler:innen nicht einheitlich in einem klassischen Phasenplan abbilden lassen: Einige haben das Bedürfnis, schnell die ersten Worte formulieren zu müssen – vielleicht um der Angst vor dem weißen Blatt Papier zu entgehen und das gute Gefühl zu haben, schon etwas geschrieben zu haben. Andere schieben jede Form von Arbeit lange vor sich her und kämpfen sich erst kurz vor Schluss durch ein kreatives Chaos.

Andererseits besteht neben der Information ein weiteres zentrales Element der Begleitung im Orientierungsangebot. Daher habe ich mich entschieden, die Arbeitsphase in zwei Hälften zu untergliedern, die sich sinnvoll trennen lassen: Ich unterscheide (I.) die gedankliche Vorbereitung von (II.) der praktischen Erstellung. Damit möchte ich den Schüler:innen vorschlagen, dass viele Schritte vor dem ersten getippten Wort stehen sollten. Zugleich gehe ich davon aus, dass in der Realität immer zwischen den Phasen hin und her gesprungen wird – sie aber sinnvollerweise in dieser Reihenfolge eröffnet werden sollten. Insofern hat die Struktur auffordernden Charakter.

I. Die gedankliche Vorbereitung beginnt mit der ersten Kursstunde

Grundsätzlich beginnt die gedankliche Vorbereitung in meinem Seminarfach „Medien“ mit der ersten Stunde des Kurses. Nachdem wir damals eine MindMap über das Thema erstellt hatten, sollten die Schüler:innen als Hausaufgabe zu einem Unterthema eine Frage aus ihren Überlegungen ableiten. Dadurch bekam ich auch einen Überblick, wie gut mein Kurs mit Textverarbeitung umgehen kann.

Inhaltlich haben wir so den Blick auf das Kursthema erweitert und mögliche tragfähige Leitfragen identifiziert. Im weiteren Kursverlauf haben die Schüler:innen vor allem medienpraktische Erfahrung in der Erstellung eines Wiki, eines Erklärvideos und eines freien Projektes gesammelt und reflektiert. Auch diese Erfahrungsfelder dienten der Erweiterung des Themenüberblicks. Somit kommt für meine Schüler:innen die Frage nach einem Themenwunsch nicht aus heiterem Himmel, sondern ist integraler Bestandteil des Kurses.

Die konkrete Themenwahl

Dennoch ist die Zeit der konkreten Themenwahl in den Wochen vor der Ausgabe des Themas immer von vielen Türschwellengesprächen und ebenso vielen Mails geprägt. Seit letztem Jahr stelle ich eine verbindliche Aufgabe in IServ, wo die Schüler:innen bis zum Wochenende vor der Ausgabe des Themas ihren Themenwunsch eintragen müssen. Ich bitte darum, mir ein Themengebiet sowie möglichst viele/ mehrere Fragen zu nennen, das hilft mir bei der Formulierung des Themas. Mein Ziel ist es ja, die Idee der Schüler:innen in der Formulierung einzufangen. Wenn das Thema selbst gewählt ist, ist die Motivation höher. Dafür muss ich Formulierungen finden, die genug Offenheit für eigene Wege bieten, aber auch einen klaren Fokus setzen, der die Schüler:innen nicht überfordert.

Im Regelfall (re)formuliere ich das Thema: zum einen steht es auf dem Abiturzeugnis, zum anderen muss ich auch Schnittmengen mit anderen Themen vermeiden. Zudem umgehe ich damit, dass mir Themen vorgeschlagen werden, zu denen es bereits Arbeiten gibt. Da aber die meisten Themen im Dialog entstehen, ist das in der Praxis kaum relevant.

Formal gebe ich die Themen auf einem „Formular“ aus, das mir die Schüler:innen unterschreiben; so entsteht mehr Verbindlichkeit. Eine Kopie des Formulars gebe ich den Schüler:innen mit, damit sie das Thema schwarz auf weiß haben. Auf Distanz haben wir das in IServ als zu bestätigende Aufgabe gelöst.

Vom Thema zur Frage zur Gliederung

Bei mir ist das Thema keine Fragestellung. Das ist für mich erst der nächste Schritt im Prozess der Schüler:innen. Umgekehrt formuliere ich natürlich Themen so, dass es naheliegende Fragen gibt; z.B: „(k)eine Chance“, „Spannungsfeld zwischen“ oder „Chancen und Grenzen“. Dennoch haben die Schüler:innen sowohl die Möglichkeit als auch die Aufgabe, eine eigene Fragestellung zu entwicklen. Diese muss sowohl mit den eigenen Interessen als auch mit der verfügbaren Literatur kompatibel sein. Daher habe ich zu dieser eigenen Herangehensweise ein kurzes Video für die digitale Pinnwand erstellt.

Eine zentrale Gelenkstelle liegt hier für mich in der tragfähigen Leitfrage. Anders als beispielsweise der Selbstlernkurs fordere ich von meinen Schüler:innen eine Einschätzfrage, die beispielsweise mit den Worten „inwiefern“ oder „inwieweit“ beginnt. Dahinter steht die Erfahrung, dass sie dadurch die Qualität der Arbeit oft eigenständig in den sehr guten Bereich bringen (können), indem sie die selbst gestellte Frage ernst nehmen. Das ermöglicht die von mir gewünschte Eigenständigkeit.

Um den Schüler:innen hier im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung gerecht zu werden, fordere ich (spätestens) nach  zwei Wochen eine Literaturliste, nach drei eine Leitfrage und nach vier eine zugehörige Gliederung. Auch das dient mir und den Schreibenden als Orientierung und schafft mehr Verbindlichkeit.

Das inhaltliche Herzstück für die Schüler:innen ist bei mir der innere Zusammenhang zwischen Thema, tragfähiger Leitfrage und der sich daraus ergebenden Gliederung. Wenn jemand mir diesen Zusammenhang in der Beratung sauber erklären konnte, wurde daraus (eigentlich) immer eine gute Facharbeit, deren roter Faden klar erkennbar war. Daher ist das für mich gedanklich der Abschluss der Beratungen, wobei ich natürlich auch danach weiter betreue und berate.

Wissenschaftliches Arbeiten als Haltung

Die Basis eines guten roten Fadens liegt neben dem Thema auch im Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten. Vielen Schüler:innen ist das aus dem Unterricht geläufig, sie haben verinnerlicht, zu zitieren und zu paraphrasieren. Sie haben verinnerlicht, methodisch zu arbeiten; wissenschaftliches Arbeiten ist selbstverständlich geworden, eine Haltung geworden. Aber ebenso gibt es viele, denen das bisher noch nicht wichtig war. Auch wenn ich das immer im ersten Halbjahr nebenbei thematisiere (hier vor allem bei der Arbeit an den Wiki-Texten), habe ich daraus einen eigenen Punkt auf der Pinnwand gemacht. Viele verinnerlichen das ohnehin im laufenden Prozess, wenn sie mehrere wissenschaftliche Texte gelesen haben. Andere muss ich im Beratungsprozess darauf aufmerksam machen. Parallel können sie das Material in Ruhe durcharbeiten. Letztlich lässt sich das aber kaum erlernen und nur zum Teil antrainieren, es muss zur inneren Haltung werden – was aber auch immer wieder in Facharbeiten zu beobachten ist.

Daher habe ich das in mehrere Punkte ausdifferenziert: Literaturrecherche und Leseprozess könnte man ebenso unter wissenschaftlichem Arbeiten subsumieren. Nur die Zeitplanung hat hier keinen eigenen Punkt bekommen, weil sie im Video mit dabei war und auch kein zwingend notwendiger Einzelschritt ist; eine gute Zeitplanung ist wichtig, aber viele machen das eher intuitiv und wenig systematisch. Daher habe ich mich pragmatisch vom SimpleClub leiten lassen. Letztlich gehen diese Punkte Hand in Hand, während des Leseprozesses denke ich über die Gliederung nach, finde aber auch neue Literatur. Dennoch stelle ich die Literaturrecherche voran, da Bücher teilweise erst bestellt werden müssen – und alles in der Gliederung seinen Übergang findet und in den Schreibprozess mündet. Dennoch ist es entscheidend, die Zeitplanung bewusst und reflektiert anzugehen, weshalb ich diesen Punkt in der Spalte vorangestellt habe. Damit kann das Meta-Lernen – also das Nachdenken über lernen – angestoßen werden, was viele Schüler:innen in ihrem Lernprozess deutlich voranbringt.

Während viele Kolleg:innen auf gedruckten Quellen bestehen, ist besonders in meinen Medienthemen viel Literatur (nur) digital vorhanden. Grundsätzlich bin ich bei diesen formalen Punkten liberal: Gedruckte Quellen sind nach wie vor wichtig, allerdings verwischt der Markt zunehmend, da viele Werke OpenAccess veröffentlich werden. Außerdem setzen viele Experten in diesen Themen auf Blogs, PodCasts, Videos etc. Da dieser Bereich digitaler Medien für die Schüler:innen noch bedeutsamer werden wird, verzichte ich im Zweifelsfalle auf die gedruckte Quelle – daher möchte ich auch im ersten Beratungsgespräch mit den Schüler:innen über die Literaturliste sprechen.

II. Der Schreibprozess: Auch eine Frage der Technik

Auch wenn Niedersachsen nur „15 Textseiten in Maschinenschrift“ als Vorgabe macht, interpretiere ich diese Vorgabe post-digital: Für meine Schüler:innen ist es selbstverständlich, die Arbeit digital zu erstellen. Da es im Regelfall das einzige Mal in der Schulzeit ist, bei dem sie ein mehrseitiges Dokument mit Fußnoten, Inhaltsverzeichnis und Literaturverzeichnis sowie Anhang versehen, liegt es nahe, die entsprechenden Techniken nicht aufwändig im Unterricht zu üben. Diese Technik ist erst in der Praxis geübt, am Arbeitsprozess orientiert. Daher habe ich Erklärvideos zu den entsprechenden Techniken in der Pinnwand; praktische Fragen können in den Pausen, per Mail oder in der Beratung situativ geklärt werden.

(Anmerkung: Aus persönlicher und schulischer Affinität habe ich mich entschieden, nur Word und nicht Open Office in die Liste aufzunehmen, auch wenn ich mehr Sympathie für offene Software habe.)

Schreiben als Fortsetzung des Lesens

Der Eintritt in diese zweite Phase hat für mich auch damit zu tun, dass die Schüler:innen in der ersten Phase des Prozesses vor allem rezipieren. Zwar kommunizieren sie über Literaturverzeichnis, Leitfrage und Gliederung auch mit mir, nun aber geht es darum, die eigenen Gedanken in eine klare lineare Reihenfolge zu bringen. Dieser Prozess der Reorganisation von Ideen und Gedanken schließt einerseits nahtlos an den Verstehens- und Erschließungsprozess der Lesephase an, erfordert aber neben den Techniken auch eine klare Reihenfolge im Hinblick auf die Leserlenkung, die beim Verfassen einer Facharbeit ebenfalls von den Schüler:innen erwartet wird. Sie sollen ihre Gedanken so ordnen, dass sie anfangs die Leser:innen mit in die Überlegung hineinnehmen (Einleitung), dann diese Überlegung systematisch entfalten (Hauptteil) und daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen ziehen (Fazit). Somit kommt zur Rezeption die Kommunikation hinzu. In diesem Lernprozess hat die Facharbeit auch eine klare Funktion für die Entwicklung der Jugendlichen, wenn sie letztlich „nur“ in der Lage sein sollen, ihre Sicht auf ein Thema strukturiert jemandem (schriftlich) mitzuteilen.

Die Endredaktion als Impuls für das Meta-Lernen

Die Endredaktion hat für mich eine zentrale Bedeutung, weil hier verstehbar wird, dass sich jede:r Autor:in trotz eigenständiger Überlegungen immer auch ein unterstützendes Umfeld suchen sollte. Dabei ist sowohl die Technik in der Textverarbeitung zu nutzen als auch die Hilfe des Umfeldes. Dieser Schritt bedarf allerdings der Kommunikation und Planung, insofern ist es erneut ein zentraler Punkt, um das Meta-Lernen anzustoßen. 

Spannend wird in Zukunft die Frage nach gemeinsam erstellten Facharbeiten. Bisher ist das nur möglich, wenn „die Einzelleistung der Schülerin oder des Schülers klar ersichtlich“ ist. Da die KMK aktuell den Aspekt der Kollaboration in den Vordergrund rückt, bleibt es für mich nur eine Frage der Zeit, dass Facharbeiten zukünftig in ununterscheidbarer Zusammenarbeit entstehen. Das allerdings erfordert noch einen intensiven Lernprozess von Lehrer:innen und Schüler:innen, da diese Praxis bisher im schulischen Alltag kaum entwickelt ist.

Äußere Vorgaben zwischen Formalismus und Sinn

Ich möchte, dass meine Schüler:innen eine ansprechende Arbeit verfassen. Daher ist es mir wichtiger, dass ihre Gedanken gut zu verstehen sind als dass ich auf formalen Vorgaben bestehe. Die einzige Vorgabe, die mit mir nicht zu diskutieren ist, besteht in der Seitenvorgabe: Wie bereits erwähnt sind 15 Seiten nicht zu überschreiten.

Allerdings sind für mich Randvorgaben und Zeilenabstände, aber auch Schriftart und Schriftgröße nur Orientierungsgrößen. Besonders die Schriftart ermöglicht Individualität, davon hängt dann auch die Schriftgröße ab. Meine zentralen Kriterien sind Lesbarkeit, Korrigierbarkeit (im Hinblick auf den Rand) und Ästhetik. Bevor eine Überschrift als letzte Zeile auf einer Seite steht oder auch nur weniger als drei Zeilen eines Absatzes unten oder oben auf einer Seite stehen, halte ich es für sinnvoller, die Zeilenabstände leicht zu variieren (z.B. 1,4), als schlechter nachvollziehbare Seitenumbrüche zu haben.

cc by Niels Winkelmann