WZ-Kolumne

Unterrichtsfeeling in der Videokonferenz?

„Kommt in Videokonferenzen eigentlich Unterrichtsfeeling auf?“, fragt Moritz am Telefon. „In der Videokonferenz meiner Abteilung ist oft Schweigen im Walde!“

Ich bin froh – auch anderen fällt die Umstellung schwer. Aber Unterrichtsfeeling? Wann kommt das auf? Für mich braucht das gemeinsame Zeit. Und Lernen.

Ich selbst lerne beim Lesen oder durch Vorträge. In meiner Schulzeit also durch Lehrervorträge und Schulbücher. Nun sind digitale Möglichkeiten wie Videos, PodCasts oder Wikis hinzugekommen. Diese Lernschritte laufen individuell im eigenes Tempo.

Außerdem muss man Gelerntes üben und anwenden. Individuell oder in Partnerarbeit mit gegenseitigen Erklärungen. Man gibt einander Impulse, kann einander helfen und anspornen. Wenn ich diese Zusammenarbeit im Klassenraum erlebe, spüre ich produktive Unruhe, da beginnt Unterrichtsfeeling. Das kann ich aber digital als Lehrer nicht erleben, nur in Berichten meiner Lernenden erahnen.

Erleben kann ich das in Gemeinschaft, wenn vorher das Interesse aller an etwas geweckt wurde. Wenn alle von einem Versuch überrascht oder mit einer Geschichte zum Nachdenken angeregt wurden. Das ist schwierig auf Distanz, unmittelbare Wirkung ist selten produktiv umzusetzen. Und auf Distanz fehlen mir Kanäle zum Agieren: durch Blickkontakt aktivieren; im Raum bewegen und durch Nähe gedanklich auf ein Thema fokussieren. Vor allem hat in einer Videokonferenz jedes Kind 1-2 Minuten eigene Redezeit, wenn ich gar nichts sage. Den Rest der Zeit müssen alle zuhören. Und ich kann nicht wissen, wer gedanklich dabei ist.

Lieber versuche ich, die Kinder miteinander in Kontakt zu bringen, Lernsituationen zu schaffen, in denen miteinander und voneinander gelernt wird. In digitaler Gruppenarbeit erhöhen sich aktive Zeit und Redezeit pro Kind. Daher arbeiten wir wenig synchron. Vieles läuft asynchron, also ungleichzeitig. Erklärvideos kann man zurückspulen. Übungsaufgaben im eigenen Tempo bearbeiten. Das geht teilweise besser als im Klassenzimmer, dem Ort der Gleichzeitigkeit.

„Bist Du noch dran?“, fragt Moritz. Er muss sich vorkommen wie ich in Videokonferenzen. Schweigen am anderen Ende. Wenn auch manch echter Dialog gelingt. Wenn Interesse geweckt und Gruppenergebnisse eingebracht wurden.

cc by Niels Winkelmann

WZ-Kolumne

Klassenarbeit im Distanzunterricht?

Kaum zeichnet sich ab, dass wieder Schüler zuhause lernen werden, kommen erste Mails: „Was ist mit der Klassenarbeit?“

Tja, Klassenarbeit. Die ist natürlich wichtig. Damit werden Noten begründet. Noten können Karrieren ermöglichen oder verhindern. Und da muss es fair zugehen. So werden Klassenarbeiten ein Fall für die Justiz.

Mir als Lehrer ist die pädagogische Funktion der Noten viel wichtiger. Meine Kinder sollen einschätzen können: Habe ich das Thema verstanden? Beherrsche ich Bruchrechnung?

Da Noten vergleichbar und überprüfbar sein sollen, wird die kontrollierende Aufsicht ins Distanzprüfen übertragen. Firmen bieten dafür „Proctoring“ an. Sie überwachen die Prüfung über Webcam und Mikrofon. Wie Big Brother. Ein lohnendes Geschäftsmodell.

Nicht mein pädagogischer Ansatz. Ich folge der Empfehlung des Kultusministers: „So viel Vertrauen und Freiheit wie möglich, so viel Kontrolle und Struktur wie nötig.“  Dafür wollen Forscher wie die Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik Uta Hauck-Thum einen „pädagogischen Leistungsbegriff“ finden. Schon jetzt lässt sie Kinder an Grundschulen Präsentationen oder Videos erstellen, ebenso bewertbar wie Klassenarbeiten. Vor allem kommt es da neben dem Unterrichtsstoff (wie der Bruchrechnung) auch auf Fähigkeiten wie Kooperation und Kommunikation an. Denn außerhalb der Schule zählt nicht Einzelkämpfertum wie in Klassenarbeiten, sondern Teamarbeit. Aber gelernt wird, was geprüft wird. Damit fallen solche wichtigen Fähigkeiten in der Schule unter den Tisch.

Außerdem waren Klassenarbeiten noch nie fair. Wer einen schlechten Tag hat, aufgrund einer beginnenden Erkrankung oder einer belastenden emotionalen Situation, hat nie dieselben Chancen wie die unbelastete und fitte Nachbarin. Dennoch zählen Klassenarbeiten oft fast die Hälfte einer Note.

Insofern ist die Frage nach sogenannten alternativen Prüfungsformaten kein neues Thema, aber in einer digitalen Welt stellt sich die Frage neu. Und ich muss sie meinen Klassen per Mail noch beantworten: Einige werden die Leistungsüberprüfung, wie Hauck-Thum es formuliert, „leicht angepasst online“ vornehmen. Andere lasse ich zuhause einen Selbsttest schreiben. Dann wissen wir, wo wir nach den Ferien ansetzen können. Mehr Vertrauen, weniger Kontrolle!

WZ-Kolumne

Hybridunterricht: Mehr als Videokonferenzen

„Habt ihr zuhause genug Computer für eure Jungs? Hybrid-Unterricht soll kommen!“ SMS von Maren. Fürsorglich wie immer.

Sie sieht unsere Jungs schon tagelang vor Bildschirmen sitzen. Aber Schülerinnen und Schüler von Zuhause per Videokonferenz zuzuschalten ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Das neue Konzept ist keine Notlösung wie im März, es geht um Verknüpfung von schulischem und heimischem Lernen: eine neue Balance zwischen eigenständiger Arbeit (wie Hausaufgaben) und Anleitung durch mich als Lehrer. Keine leichte Aufgabe. Aber lohnenswert, weil Eigenverantwortung wichtiger ist als viele Lerninhalte. Wer eigenverantwortlich lernt, kann sich heute vieles leicht aneignen, durch Bücher oder Erklärvideos.

Maren lehnt das ab. Sie schwärmt von früher: „Herr Meier konnte Mathe erklären!“ Dass meine Klasse gerne „Lehrer Schmidt“ auf Youtube schaut, die einen das Video nochmal schauen, während andere losrechnen, ist ihr suspekt: „Eigene Lernwege in eigenem Tempo gab es früher nicht!“ Aber sie werden jetzt genutzt. Und sie stellen uns vor neue Herausforderungen: Ich muss anders und individueller für Lernende da sein, Anfragen zu verschiedenen Aufgaben und Problemen beantworten, neue Wege für Kommunikation und Hilfestellung finden – in der Schule und online. Und ich muss bei der Selbstorganisation helfen: Wann und wie lernt man am besten?

Da bin ich mit Maren einer Meinung. Sie hat früh die Schule verlassen, sich selbstständig gemacht, die eigene Firma aufgebaut. Bis heute liest sie wenig, lernt durch ihre Arbeit, durch neue Herausforderungen. Bei Azubis fehlen ihr Selbstständigkeit und Teamfähigkeit. Das soll ich unterrichten, nicht „den ollen Konjunktiv“. Der Konjunktiv ist mir wichtig, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit auch. Und das lässt sich verbinden. Auch hybrid kann über Telefon oder per Videokonferenz gemeinsam gearbeitet werden. Das ist neu, das muss organisiert werden, aber es ist der richtige Weg. Und manches Mal besser als die Einzelaufgabe in der Schule, wenn Gruppenarbeit nicht geht mit Abstand und Maske.

Doch wie schreibe ich Maren das per SMS? In WhatsApp würde ich vielleicht eine Sprachnachricht schicken. Oder ich rufe einfach an, im Zweifel reden wir direkt miteinander. Wie im Unterricht. Auch hybrid.

Mehr zum Konzept des Hybridunterrichtes finden Sie bei Schultech oder auf dem Youtube-Kanal von Philippe Wampfler „DigitFernunterricht“. Verschiedene Variante zur Kombination von Präsenz- und Fernunterricht finden Sie im Blog von Philippe Wampfler.