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Re-Organisation von Wissen: Wissensnetzwerke in analogen und digitalen Darstellungsformen darstellen

Wissensnetzwerke ahmen Hirn- und Lernstrukturen nach

Wie genau unser Gehirn gelernte Informationen speichert, haben wir noch nicht entschlüsselt, aber Hirnforscher und Psychologen sind sich über netzwerkartige Strukturen einig. Das Gehirn als Organ ist als neuronales Netz organisiert und schon der Pionier der Entwicklungspsychologie, Jean Piaget, beschrieb die grundlegenden Prozesse von netzwerkartigem Lernen: Assimilation und Akkomodation. Wenn ich eine neue Information bekomme, die in mein neuronales Wissensnetzwerk passt, sortiere ich sie ein (Assimilation). Ein Kind könnte so lernen, dass die kleineren schwarz-weiß gefleckten Lebewesen Kälber sind.

Wenn aber die Information nicht hineinpasst, muss ich mein Wissen neu organisieren (Akkomodation). Wenn die kleineren schwarz-weiß gefleckten Lebewesen plötzlich bellen, muss das Kind eine Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen Kälbern und Dalmatinern finden. Oder wenn ein großes schwarz-weiß geflecktes Lebewesen wiehert, muss auch zwischen Kuh und Pferd differenziert werden.

In der Pädagogik hat diese durchaus gewollte Lernsituation als „kognitive Dissonanz“ viel Beachtung gefunden, da in dieser Situation überaus produktive Lernprozesse stattfinden, wenn Vertrautes fremd erscheint. Wenn im Chemieunterricht beispielsweise Eisenwolle „verbrannt“ wird, erwarten alle, dass diese danach leichter ist. Dass hier Eisenwolle nur scheinbar brennt und nach der Oxidation aufgrund des gebundenen Sauerstoffes schwerer ist, erfordert ein verändertes Verständnis von Verbrennungsprozessen.

Erstellung vor Darstellung: Der Weg ist das Ziel

Neben der Darstellung von Wissen in Textform hat die Didaktik in den letzten Jahren zunehmend grafische Formen für sich entdeckt. Ein Grund dafür ist sicherlich die zunehmende Verbreitung, da aufgrund neuer Druckmöglichkeiten seit geraumer Zeit Grafiken in Zeitschriften, Zeitungen und Büchern zu sehen sind. Genauso können in Lernprozessen beispielsweise Organigramme, MindMaps oder KonzeptMaps ebenso gut wie Texte (oder gar besser) unser Wissen in Form von Informationen organisieren. Ein Beispiel hierfür ist die zyklische Darstellung der Jahreszeiten. Die Kreisform verdeutlicht das besser als jede Aufzählung, die eine erste und eine letzte Jahreszeit nennen muss: Frühling, Sommer, Herbst und Winter scheinen uns intuitiv logisch, aber schon jedes Kind weiß, dass danach erneut ein Frühling folgt und es keine eigentliche erste oder letzte Jahreszeit gibt.

Besonders bei klassischen MindMaps zeigt sich die Analogie zu Piaget: Wenn ich eine neue Information einordnen möchte, muss ich überlegen, ob ich sie am Ende eines Zweiges einordnen muss, weil es auch kleinere Kühe gibt, oder ob ich mein Wissen über Tiere umsortieren muss. Ähnlich läuft eben auch der gemeinsame Lernprozess im Unterricht ab: Wenn im Religionsunterricht zum Begriff Liebe zunächst Vertrauen und Geborgenheit assoziiert werden und dann Sexualität sowie LGTBQ genannt werden, wird später im nächsten Schritt (dem sogenannten Clustern) die Frage aufgeworfen, ob beispielsweise Vertrauen und Geborgenheit unter der Oberkategorie Gefühle zusammengefasst werden kann.

Denn schnell wird intuitiv klar, dass nicht alle Begriffe an der Wurzel der MindMap ansetzen dürfen, weil das Thema dann schnell unübersichtlich wird. Genau in dieser Stärke, der hierarchischen Baumstruktur, liegt die Stärke der MindMap, die auch in der Wortfeldarbeit in den Sprachen gerne zum Einsatz kommt. Ihre Stärke ist aber auch ihre Schwäche, da sich andere grafische Konstrukte wie Querbeziehungen oder Zyklen nicht darstellen lassen. Das wiederum ist für andere Wissensrepräsentationen von entscheidender Bedeutung. Alle Formen haben gemeinsam, dass weniger die Darstellung selbst, sondern vor allem deren Erstellung zählt, da hier das Wissen der Lernenden sortiert und strukturiert wird. (Natürlich vernachlässigen wir dabei, dass in der Darstellung auch das Wissen gesichert wird, um für Klassenarbeiten gelernt zu werden.)

Analog oder Digital: (k)eine Glaubensfrage

Es gibt Menschen, die handschriftliche Briefe zuerst digital verfassen, da sie das Gefühl haben, leichter korrigieren zu können. Und ebenso gibt es Menschen, die Texte lieber zuerst handschriftlich verfassen und dann abtippen und ausdrucken. Jede MindMap kann optisch nur so aussehen, wie die Software es zulässt – und manche App ist da sehr restriktiv. Wer gerne mit der Hand zeichnet, keine Scheu vor dem Radieren und dazu noch eine gute Auswahl an Stiften zur Hand hat, der wird gerne entsprechende Grafiken zeichnen können.

Da aber Zeit im Unterricht oft eine endliche Resource ist, hat die Arbeit mit eine schlichten App durchaus ihren Reiz – beispielsweise im Clustern der Assoziationen zu Liebe. Hier kann jederzeit umsortiert werden, ohne dass gewischt und (komplett) neu sortiert werden muss. Besonders in der Akkomodation, dem Umstrukturieren, arbeitet Software hier wunderbar. Ebenso kann sehr schnell und unkompliziert jede(r) Lernende individuell Begriffe strukturieren, die im Gespräch gesammelt und dann digital geteilt werden. Zudem erzielen auch diejenigen, die ungern mit dem Stift arbeiten, ästhetische Ergebnisse. Und alle Ergebnisse können einfach präsentiert werden.

Sketchnotes und Graphic Recording als Weg und Ziel

Eine besondere Rolle nehmen hier die Sketchnotes ein (hier als OER, aber mehr dazu in einem weiteren Post):

Bei dieser Technik, die natürlich genauso analog wie digital funktioniert, werden bei Mitschriften in Vorlesungen, für Themenübersichten und Zusammenfassungen mit Hilfe von Symbolen, Grafiken und wenig Text Informationen dargestellt. Diese ebenso anspruchsvolle wie kreative Auseinandersetzung mit den Themen und Inhalten zeigt sich bereits in der Darstellungsform die Zusammenhänge, da grafisch die Wissensverbindungen aufgezeigt werden. Bereits bei analogen Sketchnotes haben einige die Entwicklung des Sketches dokumentiert, indem sie die Erstellung gefilmt haben. Dabei war dann stets die Hand oder der Arm des Zeichners mit im Bild. Bei der Erstellung am Tablet mit einem entsprechendem Stift kann nun durch das Graphic Recording der Entstehungsprozess und damit der Verstehenszusammenhang nachvollzogen werden: Mittels Bildschirmaufnahme und Zeitraffer wird dann die ganze Entstehung der Sketchnote vom ersten Strich bis zur Fertigstellung sichtbar. Diese Form der Darstellung liegt sicherlich nicht jedem, aber ist eine wunderbare und kreative Ergänzung in den Lehr-Lern-Methoden. Zudem wird Lernen mit dem iPad individueller werden, aber dazu mehr in einem anderen Post.