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Lernen in der Corona-Zeit: Kinder zwischen Beschäftigung und nachhaltigem Lernen

Strukturen geben ist zentrale Verantwortung für Eltern, aber auch Lehrerinnen und Lehrer

Wenn Kinder in Zeiten von Corona aufgrund des Infektionsschutzes nicht zur Schule gehen dürfen (weil beispielsweise Mindestabstände in Klassenräumen bei 2 qm pro Kind nicht einzuhalten sind), sind die Lehrerinnen und Lehrer je nach Bundesland in unterschiedlicher Weise dazu angehalten, ihren Schülerinnen und Schülern Aufgaben zukommen zu lassen. Bei uns in Niedersachsen haben diese Aufgaben „Charakter und dürfen nicht in die Leistungsbewertung einfließen“. Zugleich lobt das Land alle Kolleginnnen und Kollegen, die sich so um die Kinder verdient machen. Denn in dieser Zeit, die von Unsicherheit geprägt ist, hilft uns und unseren Kindern vor allem Struktur in Form eines geregelten Tagesablaufes (hier schön erklärt). Geordnete Tagesabläufe und geordnete Lernprozesse können einander hierbei sehr sinnvoll ergänzen. Insofern haben Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer hier die ganz zentrale gemeinsame Funktion, den Kindern Struktur zu geben.

Üben und Wiederholen: Zwischen Lernfortschritt und Beschäftigungstherapie

Die große Frage aber bleibt nach der Sinnhaftigkeit dieser Aufgaben: Wenn Aufgaben freiwillig sind und nicht bewertet werden (und aus gutem Grund nicht bewertbar sind, mehr dazu in einem anderen Post), bleibt ja eine zentrale Frage: Sind die Aufgaben eine sinnvolle Fortsetzung des Unterrichtes vor Corona oder versuchen wir, unsere Schülerinnen und Schüler nur zu beschäftigen? Arbeiten die Kinder wirklich so im Stoff weiter, dass weniger (oder sogar keine) Wissenslücken durch den Unterrichtsausfall entstehen? Die Frage mag ja etwas ketzerisch klingen, verweist aber auf zwei zentrale Dimensionen von sinnvollem Lernfortschritt:

1. Lernfortschritt ist primär ein individueller Faktor. Während Aufgaben für einen Teil der Kinder wichtig zum Verstehen, Üben, Vertiefen oder Wiederholen sind, können sie für die besonders leistungsstarken eine Unterforderung, für die weniger leistungsstarken eine Überforderung darstellen. Dann findet kein Lernfortschritt statt. Das klassische Zauberwort heißt hier Differenzierung, doch dazu später mehr in einem anderen Post. Für unsere Überlegung bedeutet individueller Lernfortschritt: etwas Neues zu erfahren und so zu verinnerlichen, sodass das Neue anwendbar ist – beispielsweise eine Rechenoperation im Mathematikunterricht.

2. Lernfortschritt ist aber in unserem Schulsystem immer auch als Fortschritt einer Lerngruppe, also einer Klassen oder beispielsweise eines Oberstufenkurses zu verstehen. Die spannende Frage ist nun, inwiefern alle Kinder die vorgesehenen Lernziele erreichen. (Natürlich müssen wir diese Frage auch immer im normalen Unterricht beachten, besonders im Hinblick auf die sogenannte Versetzung. Diese geht eigentlich ja vor allem der Frage nach, ob im folgenden Schuljahr eine Mitarbeit sinnvoll möglich sein kann.) Hier auf Distanz sind die klassischen Lernstandserhebungen, wie es im Amtsdeutsch heißt, also Klassenarbeiten oder Tests, nur eingeschränkt möglich. Während im Unterricht dafür ausgebildete Unterrichtende laufend Einblick in den Lernstand und die Lernentwicklung haben, müssen das daheim die Kinder selbst im Blick haben, bei den jüngeren Kinder möglicherweise die Eltern. Ähnliches gilt für die Testsituationen: Besonders hier, wenn Kinder ihr Können unter Beweis stellen (sollen), stehen die Kinder vor der Entscheidung, ob sie sich einem ernsthaften Selbsttest unterziehen wollen oder lieber ein tolles Ergebnis erzielen. Wichtig für uns ist hier der ernsthafte Selbsttest: Habe ich das Thema wirklich verstanden? Leider fokussieren sich gesellschaftliche Erwartungen zunehmen auf die Frage nach guten Noten, nicht nach klugem Verstehen, also echter Bildung. Aber dazu mehr in einem anderen Post.

Eine sinnvolle Fortsetzung des Unterrichtes ist eigentlich nur möglich, wenn alle Kinder individuell den Stoff verstanden haben. Und das müssen sich sich selbst (und vielleicht den Unterrichtenden gegenüber) beweisen. Dann müssen nach den Ferien nicht aufwendig individuelle Wissenslücken geschlossen werden, während der Rest der Lerngruppe sozusagen warten muss, ohne wirklich im Stoff weiter arbeiten zu können. Dann haben wir als Schulsystem nicht nur die pädagogische Aufgabe übernommen, den Kindern Struktur und vielleicht intellektuelle Herausforderung zu bieten, sondern auch fachliche Bildungsprozesse fortgesetzt.

Im Hinblick auf die Corona-Zeit und das Distanzlernen sind dabei folgende Fragen grundsätzlich zu klären:

• Bekommen die Kinder die Aufgaben (Zustellungsweg)?

• Haben alle Kinder die notwendigen Materialien (z.B. Bücher)?

• Haben die Kinder die notwendige Technik (z.B. PC, Internetanbindung)?

• Können die Kinder mit der notwendigen Technik umgehen?

• Wie wird der Lernerfolg sinnvoll kontrolliert – individuell ebenso wie für die Lerngruppe?

• Werden Eltern und Kollegium ihrer gemeinsamen Aufgabe gerecht?

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