WZ-Kolumne

Digitale Kompetenzen?

„Ich möchte meine Schüler für die Zukunft fit machen!“ Diese Binsenweisheit schließt seit Jahren auch digitale Kompetenzen ein. Dafür nannten bereits 2016 die Kultusminister 61 Kategorien von Fähigkeiten, die ich vermitteln soll. Ein Blick auf diese Vielzahl kann mich als Lehrer verzweifeln lassen – wann soll ich das denn noch alles schaffen?

Da hilft ein Blick auf das große Ganze: Es geht um den kompetenten Umgang mit Digitalem, konkret mit einem Phänomen, das der Soziologe Felix Stalder 2016 als neue Kultur, als „Kultur der Digitalität“ einordnete. Deren Ursprung sieht er nicht im Siegeszug des Internets. Sie wurzelt in kulturellen Phänomenen wie der Vernetzung von Unternehmen in den 1960ern oder identitätsstiftenden Gemeinschaften wie den Umweltschutz-,Friedens- oder LGTB-Bewegungen, die unser Selbstverständnis als Gesellschaft mit prägen. Vernetzung und Gemeinschaftsbildung haben mit der technischen Entwicklung die neue Kultur hervorgebracht.

Dort gibt es mehr Medienschaffende als früher. Neben Journalisten und Redakteuren könnten alle nun Texte bloggen, Fotos bei Instagram und Videos bei YouTube hochladen. Daher teilen und liken wir, um die Informationsflut zu ordnen. Dabei zeigen sich nach Stalder drei Merkmale: Wir nutzen verstärkt (1) Referentialität, verleihen also Bedeutung durch Likes auf Facebook, aber auch durch das Versenden von Bildern in WhatsApp oder durch TikTok-Tänze – weil wir gedanklich und technisch vernetzen. Diese Bedeutungen entstehen aber erst in (2) Gemeinschaftlichkeit: So gewinnen Bilder an Bedeutung, wenn sie oft verschickt werden und auch nach Veränderung wiedererkannt werden – als „Meme“. Sie haben kulturelle Bedeutung, weil sie als gemeinsames Wissen Identität stiften und damit kollektive TV-Erinnerungen wie „Wetten dass..?“ abgelöst haben. Und all das wird befördert durch die (3) Algorithmizität, ohne die wir nicht die passenden Bilder, Webseiten und Videos finden können, mit der wir unseren Blick aber zu zugleich einschränken wie in „Filterblasen“.

Diese Kultur gilt es zu verstehen, mitzugestalten und zu reflektieren. Wenn unsere Schüler das können, haben sie einen großen Schritt geschafft. Sie können die neue Kultur für sich nutzen und vielleicht sogar weiterentwickeln. Sie sind fit für die Zukunft.

cc by Niels Winkelmann

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