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Eine Information macht noch keine Bildung

„Steht im Internet nicht alles, was man heute wissen muss?“ Wenn mein Kumpel Moritz so anfängt, bin ich unsicher, ob er ein ernstes Gespräch sucht oder über mich und meine Lehrerkollegen herziehen möchte. Ich teste vorsichtig: „Du meinst Bill Gates ‚Information at your fingertips‘-Ankündigung?“ – „Ja! Das war doch schon…“ Er zückt sein Smartphone und googelt.

Moritz erklärt jedem ungefragt sein Motto: „Ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo es steht.“ Und im Grunde hat er damit recht – auch wenn ich ihm das nie sagen würde. Schon hat er das Ergebnis: „Gates war 1995 – hätte ich nicht gedacht! Aber: Warum sollen Kinder eigentlich heute noch zur Schule gehen, wenn alles im Internet steht?“ War klar, das sowas kommt. Er findet zielsicher die Spur zwischen ernsthafter Diskussion und dezentem Sticheln. Da hilft nur die freche Gegenfrage: „Aber Du bist doch damals auch zusammen mit mir wie selbstverständlich zur Schule gegangen, obwohl alles, was wir gelernt haben, auch schon in den Büchern der Bibliotheken stand. Wo ist denn da der Unterschied?“ Moritz lächelt überlegen: „Wenn ich damals die Bücher auf dem Smartphone gehabt hätte, dann hätte ich im Abi eine 1,0 hingelegt!“ 

„Hm. Du meinst also, es lag nicht nur an der Rechtschreibung? Wenn Du auf alle Informationen zugreifen kannst, machst Du alles richtig?“ Ich mag Moritz wirklich, aber das war jetzt ziemlich naiv. Er ist als Geschäftsmann echt erfolgreich, aber wenn er Texte für seinen Webshop hat, bringt er sie direkt mir vorbei und sagt: „Schau mal drüber!“ Was er meint: „Finde die passenden Formulierungen und korrigiere Grammatik und Rechtschreibung!“ Gefühlt brauche ich jedes Mal Stunden dafür.

„Hast recht! Steht alles im Internet, aber Rechtschreibung kriege ich bis heute nicht hin.“ Da habe ich ihn: „Genau. Information ist nicht Wissen. Und das ist meine Aufgabe als Lehrer. Schülerinnen und Schüler entdecken das sogenannte Weltwissen, was traditionell in Büchern stand und immer mehr im Internet zu finden ist. Wenn sie das für sich verarbeiten, wird daraus Handlungswissen. Dann können sie beispielsweise Texte fehlerfrei schreiben, die Statik einer Brücke berechnen oder den Unterschied zwischen Information und Wissen definieren.“

Dieser Artikel erschien am 20. Oktober 2020 unter dem Titel „Information ist nicht Wissen“ in der Wilhelmshavener Zeitung unter der Rubrik „Tech-Talk“.

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